Was bedeutet
Multisystematrophie?
Die Multisystematrophie ist eine seltene, fortschreitende neurologische
Erkrankung, die durch einen Untergang von Zellen in bestimmten Regionen
des Gehirns verursacht wird und sich klinisch mit einer Vielzahl von Symptomen
, die vor allem das autonome Nervensystem und die motorischen Funktionen
betreffen, präsentiert. In Abhängigkeit von den am stärksten betroffenen
Regionen, wurde eine Zahl von Krankheitsbildern beschrieben, wie die sporadische
olivopontozerebellare Atrophie (sOPCA), die sich initial vor allem mit
Störungen des Gleichgewichts und der Koordination, sowie mit Sprachstörungen
manifestiert, die striatonigrale Degeneration (SND), bei der anfänglich
Bradykinese ( = Verlangsamung von Bewegungen), Rigor ( = Steifheit) und
Tremor vorherrschen, und das Shy-Drager Syndrom, bei dem die Betroffenen
initial vor allem unter einer Störung der Blutdruckregulation, des Harnlassens
und bei männlichen Patienten unter Erektionsstörungen bzw. Impotenz leiden.
Da diese Vielzahl an Krankheitsbezeichnungen in der Vergangenheit oft
für Verwirrung gesorgt hat unterscheidet man heutzutage eine MSA vom P-Typ,
wenn die Parkinsonsymptome, ( Rigor , Bradykinese und Tremor) vorherrschen
und eine MSA vom C-Typ, wenn die Kleinhirnsymptome (Gleichgewichtsstörungen,
Gangunsicherheit, Koordinationsstörungen und Sprachstörungen) das klinische
Bild dominieren und hat damit die Begriffe sOPCA und SND weitgehend ersetzt.
Der Ausdruck Shy-Drager Syndrom sollte gänzlich vermieden werden, da beinahe
jeder Patient unter Störungen des autonomen Nervensystems leidet. Die
MSA betrifft sowohl Frauen als auch Männer mit einem durchschnittlichen
Erkrankungsbeginn im 6. Lebensjahrzehnt und einer Häufigkeit von ungefähr
4/100000.
Die meisten Patienten, die an MSA erkrankt sind haben eine schlechte Prognose
mit einer durchschnittlichen Überlebensrate von 9 Jahren nach Erkrankungsbeginn,
allerdings wurde auch von Patienten mit einer Krankheitsdauer von bis
zu 15-20 Jahren berichtet.
Die Ursache für den Zellverlust, der zu MSA führt, ist nach wie vor nicht
bekannt, es gibt aber keinerlei Hinweise auf eine genetische oder infektiöse
Ursache.
Diagnose
Aufgrund der Vielzahl der klinischen Bilder, mit denen sich die MSA präsentiert,
ist sie oft schwierig von anderen neurodegenerativen Erkrankungen, wie
dem (idiopathischen) Parkinsonsyndrom, der progressiven supranukleären
Blickparese oder der corticobasalen Degeneration abzugrenzen.
Die Diagnose wird aufgrund einer ausführlichen Anamnese, einer körperlichen
Untersuchung sowie mittels spezieller Gehirnaufnahmen (MR Tomographie
und autonomer Funktionstests gestellt.
Symptome
- Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Steifigkeit (Rigor)
- Bewegungsblockaden und Ungeschicklichkeit (Bradykinese)
- Gleichgewichtsstörungen
- Schwierigkeiten beim Harnlassen
- Impotenz
- Orthostatische Hypotonie = ein deutlicher Blutdruckabfall
beim Aufstehen, der zu Schwindel, Müdigkeit, Verschwommensehen und
Kopf - oder Nackenschmerzen, sowie gelegentlich Ohnmacht führt.
- Sprachstörungen
- Schlafstörungen
- Schwierigkeiten beim Schlucken
- Verstopfung
- Vermindertes Schwitzen
DIE DIAGNOSE MSA BEDEUTET NICHT, DASS SIE ALLE DIESE SYMPTOME
ENTWICKELN
Therapie
Im Moment gibt es keine Heilung für MSA. Mit symptomatischer Therapie
versucht man die Beschwerden von MSA Patienten zu lindern.
Die zerebelläre Ataxie ( Inkoordination, Zittern bei zielgerichteten Bewegungen
der Extremitäten, Gangunsicherheit, undeutliche Sprache) ist durch Medikamente
nur schwer zu kontrollieren, die Patienten mit Parkinsonsymptomatik hingegen
sollten eine Dopaminsubstitutionstherapie mit L-Dopa und Dopaminagonisten
erhalten, da diese in 30 % der Fälle zu einer Besserung der Symptomatik
führt.
Eine Reihe von pharmakologischen und physikalischen Maßnahmen können versucht
werden, um die Symptome der orthostatischen Hypotonie zu lindern. In den
meisten Fällen führen eine salzreiche Diät, nächtliches Hochstellen des
Bett-Kopfendes, elastische Stützstrümpfe, Kortison in niedriger Dosierung
und Midodrine zu einer Verbesserung der Symptomatik. Die urogenitalen
Symptome können auch oft erfolgreich behandelt werden; Patienten sollten
hierfür von einem Spezialisten für Uroneurologie gesehen werden. Zum jetzigen
Zeitpunkt kann das Fortschreiten der Erkrankung durch keine Medikamente
aufgehalten werden, jedoch werden in Zukunft mit zunehmendem Verständnis
der Mechanismen, die zum Zelluntergang führen, neue therapeutische Strategien
verfügbar werden. Eine multizentrische klinische Studie mit Riluzol, einem
Hemmer der Glutamatfreisetzung, läuft derzeit in England, Frankreich und
Deutschland, um die neuroprotektive Wirkung von antiglutaminerger Therapie
bei MSA zu erforschen.
Die Europäische MSA Study Group wurde 1999 gegründet, um den Weg für zukünftige
multizentrische therapeutische Studien bei MSA zu ebnen. |